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Franz Matuszczyk Mülheimer Stadtverordneter und Journalist 1952-1975

Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen. Doch Franz Matuszczyk war über mehr als zwei Jahrzehnte als CDU-Stadtverordneter und als Redaktionsleiter der Ruhrnachrichten Teil der Mülheimer Kommunalpolitik. „Ich habe meine Arbeit in der Redaktion und im Rat immer sorgfältig voneinander getrennt. Auch wenn ich politisch nicht einer Meinung mit ihnen war, hatte ich auch zu einigen Mülheimer Sozialdemokraten gute und zum Teil sogar freundschaftliche Beziehungen. Auf der anderen Seite bekam ich bei CDU-Versammlungen auch schon mal zu hören, dass ich in unserer Zeitung zu oft über den sozialdemokratischen Oberbürgermeister Heinrich Thöne berichten würde. Oder die journalistische Konkurrenz argwöhnte, dass ich aufgrund meiner Ratsmitgliedschaft einen Informationsvorteil hätte, was aber in der Praxis gar nicht der Fall war“, erinnert sich Matuszczyk an seine Zeit als Kommunalpolitiker und Journalist in Mülheim.

Am 22. November 1926 im westfälischen Hamm geboren, gehört Matuszczyk zur sogenannten Luftwaffenhelfer-Generation, die nach dem Reichsarbeitsdienst im letzten Kriegsjahr 1944/45 noch als Soldat einrücken musste. Er hatte Glück, überlebte das Kriegsende und schlug sich im Sommer 1945 als Landarbeiter durch. Da das Elternhaus in Hamm ausgebombt und der Vater 1943 im Krieg gefallen war, fand er mit Schwester und Mutter Zuflucht in Soest, wo er 1946 das Abitur machte.


„Weil ich Geld verdienen musste und meiner Mutter nicht auf der Tasche liegen wollte“, entschied sich Matuszczyk nach dem Abitur gegen ein Geschichts- und Germanistik-Studium und für ein Redaktionsvolontariat bei der Westfalenpost. Schon nach seinem ersten Volontariatsjahr erhielt er 1948 bei der Westfalenpost eine Anstellung als Redakteur und arbeitete als Lokaljournalist zunächst in Meschede, Neheim-Hüsten, Lünen und dann in Dortmund.

 

Als sich die Westfalenpost 1949 aus Dortmund zurückzog, wechselte Matuszczyk zu den damals vom Verleger Lambert Lensing neugegründeten Ruhrnachrichten. Die Zeitung wurde noch von der britischen Militärregierung lizensiert und profilierte sich als CDU-nahe Tageszeitung. Nach einem kurzen Intermezzo in Essen und Oberhausen baute der damals erst 23-jährige Journalist ab Mai 1950 die Mülheimer Lokalredaktion der Ruhrnachrichten auf, die damals zunächst als Mülheimer Tageblatt erschienen. „In der Anfangszeit hatten wir täglich nur eineinhalb Lokalseiten und erschienen aufgrund des akuten Papiermangels nur dreimal pro Woche“, erinnert sich Matuszczyk an den Beginn seiner lokaljournalistischen Tätigkeit in Mülheim. Zunächst war er alleiniger Redakteur und wurde lediglich von einem Pauschalisten, einem Volontär und einigen freien Mitarbeitern unterstützt. Zu seinen ersten Redaktionsvolontären in Mülheim gehörte unter anderem Rudolf Strauch, der später unter anderem Vorsitzender der Bundespressekonferenz und Chefredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung werden sollte.

 

„In meinen ersten Mülheimer Jahren lebte ich als möblierter Herr in Speldorf. Erst nach meiner Hochzeit 1954 zog ich mit meiner Frau Doris in die Stadtmitte, wo wir zuletzt im Von-der-Linden-Haus an der Leineweberstraße wohnten. Politisch behielt ich meine Heimat aber bei der CDU in Speldorf“, berichtet Matuszczyk.

 

Der Westfale Matuszczyk kam mit „den gesprächigen Mülheimern, bei denen man schon einen leichten rheinischen Einschlag spürte, schnell ins Gespräch.“ Die Überschaubarkeit der Stadt, das Ruhrtal, der Kirchenhügel, der Wasserbahnhof mit der Weißen Flotte „und eine attraktive Innenstadt, die damals viele Menschen aus den Nachbarstädten anzog“, ließen ihn in Mülheim schnell heimisch werden. Und er merkte schnell, „dass die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt hier sehr ausgeprägt war.“

 

Dass der junge Journalist 1951 in die Mülheimer CDU eintrat und schon ein Jahr später als damals jüngster Stadtverordneter in den Rat der Stadt einzog, hatte mit dem damaligen CDU-Vorsitzenden und Alt-Oberbürgermeister Wilhelm Diederichs zu tun. „Er war mein politischer Lehrer und hat mich in die Partei geholt. Diederichs war Mülheimer durch und durch. Er kannte die Stadt in- und auswendig. Außerdem beeindruckte er mich mit seinem ausgewogenen politischen Urteil und mit seiner großen Gelassenheit“, erzählt Matuszczyk. Auch an andere Christdemokraten seiner Zeit hat er gute Erinnerungen: „Max Vehar war ein glänzender Redner. Hermann Schmidtke ein fleißiger und kontaktfreudiger Bürgermeister, der Menschen ansprechen und mobilisieren konnte. Und Helga Wex habe ich als eine großartige Persönlichkeit mit politischem Weitblick in Erinnerung“, betont Matuszczyk. Für ihn selbst war die CDU die Partei seiner Wahl, „weil mich ihre programmatische Mischung aus christlichen und freiheitlichen Gedanken anzog.“

 

Sein politischer Schwerpunkt im Rat lag in der Kulturpolitik. Während seiner gesamten Zeit im Rat, die 1972 mit der Verleihung des Ehrenringes der Stadt gewürdigt werden sollte, gehörte er dem Kulturausschuss an. Schon während seiner ersten Wahlperiode war Matuszczyk stellvertretender Vorsitzender dieses Ausschusses, den er in seiner letzten Wahlperiode (1970 bis 1974) als Vorsitzender führen sollte.

 

Darüber hinaus arbeitete der Vorsitzende der Speldorfer CDU als Ratsherr im Finanz- und Schulausschuss mit. Gerne erinnert sich der damals auch im Kunst- und Geschichtsverein sowie im Speldorfer Bürgerverein aktive Matuszczyk an die Glanzlichter seiner journalistischen und politischen Arbeit in Mülheim, die Wiedereröffnung der Stadthalle durch den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (1957), die in den 60er Jahren realisierte Schaffung eines Gewerbegebietes im Speldorfer Hafen, die ihn bis heute mit Hochachtung an den damaligen Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff zurückdenken lässt. Er selbst begleitete als Kommunal- und Kulturpolitiker zum Beispiel die Bemühungen, um den finanzpolitisch vertretbaren Neubau einer Stadtbücherei am Rathausmarkt, die Einrichtung eines neuen Museums in der alten Stadtbücherei an der Leineweberstraße, den Umbau des Van-Grinten-Hauses auf dem Dudel für die Jugendmusikschule oder die Planungen für den Neubau einer Volkshochschule an der Bergstraße.

 

„Ich habe mich damals dafür eingesetzt, in der neuen Volkshochschule einen Saal mit einer Theaterbühne für experimentelles Theater einzurichten, die über die Stadtgrenzen hinaus ins gesamte Ruhrgebiet ausstrahlen sollte. Diese Idee ist dann später vom damaligen Kulturdezernenten Helmut Meyer in ganz anderer Form realisiert worden, in dem er Roberto Ciulli die Möglichkeit eröffnete, im ehemaligen Kurhaus am Raffelberg das Theater an der Ruhr zu gründen“, berichtet Matuszczyk.

 

Besonders am Herzen lag ihm auch das Thema Denkmalschutz, Als Vorsitzender des Kulturausschusses setzte er sich in den frühen 70er Jahren mit Nachdruck für den Denkmalschutz ein und sorgte für die Aufstellung der ersten Mülheimer Bau-Denkmal-Liste. „Was sollen wir mit dem alten Zeug? Weg damit!“ beschreibt er die in den späten 60er und frühen 70er Jahren ausgeprägte Tendenz, Altbauten abzureißen und im Sinne von Stadtverdichtung Neubauten, wie etwa die Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz zu errichten. Mit Schrecken erinnert er sich daran, dass es in den 60er Jahren ernsthafte Überlegungen gab, das Schloss Broich und auch die alten Kapitänshäuser auf dem Dudel abzureißen und letztere durch moderne Hochbauten zu ersetzen. Auch im Fall der Heißener Bergmannssiedlung Mausegatt-Kreftenscheer mussten Matuszczyk und seine Mitstreiter, die er unter anderem beim Landschaftsverband Rheinland fand, die Einsicht politisch durchsetzen, diese historische Bausubstanz nicht zu vernachlässigen und damit ihrem Niedergang preiszugeben, sondern langfristig zu erhalten.

 

Nicht erhalten konnte Franz Matuszczyk die Mülheimer Medienvielfalt, zu der bis 1976 auch die Ruhrnachrichten gehörten. „Wir hatten zuletzt eine Auflage von rund 5000 Exemplaren und waren die kleinste Zeitung am Ort“, erinnert sich der Journalist. Schon lange vor dem Internet war das Pressesterben und die Pressekonzentration in der Mitte der 70er Jahre ein Thema. Zwei Jahre, bevor die von ihm geleitete Lokalredaktion geschlossen wurde, wechselte Matuszczyk 1974 als Leiter des städtischen Presseamtes nach Münster, wo er bis heute lebt, und nach seiner Pensionierung im Jahr 1993 immer wieder als freier Journalist tätig gewesen ist.

 

Gerne erinnert sich Matuszczyk daran, dass er in der letzten Phase seiner kommunalpolitischen Arbeit im Speldorfer CDU-Ortsverband „einen jungen Polizeibeamten, der mir immer wieder aufgefallen war, zur Kandidatur für den Rat der Stadt ermutigen konnte.“ Der Mann hieß Hans-Georg Specht und sollte 20 Jahre später Mülheimer Oberbürgermeister werden.

 

Als sich Franz Matuszycyk am 28. November 1974 mit einem „Mölm boowenaan“ aus dem Rat der Stadt verabschiedete und sein Mandat an den Parteifreund Willi van der Felden abgab, sagte er: „Die Arbeit im Rat sollte nie an Einzelnen gemessen werden. Es sollte immer die Gemeinschaft gelten, deren Ziel Mülheim heißt. Ich bin dankbar, dass ich für diese Stadt arbeiten durfte. Und ich bin ein wenig stolz, wenn ich sehe, wie sich diese Stadt heute darstellt.“

 

Seine Leistung als Kommunalpolitiker würdigte der damalige Oberbürgermeister Dieter aus dem Siepen von der SPD unter anderem mit der Feststellung: „Der Kulturausschuss verliert in Ihnen einen Kommunalpolitiker, der in den 22 Jahren seines Wirkens, über die Parteigrenzen hinweg stets das Gemeinwesen gesehen und jederzeit seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit unter Beweis gestellt hat. Wir alle schätzen Sie sehr und haben stets gerne mit Ihnen zusammengearbeitet.

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